Tyrosinämie

 

Die Tyrosinämie ist eine seltene genetische Krankheit, die durch eine Fehlfunktion des Enzyms verursacht wird, das zum Abbau von Tyrosin beiträgt, eine Aminosäure, die in den Proteinen der Ernährung vorkommt. Die Krankheit wird autosomal-rezessiv übertragen, das heisst, dass das für die Krankheit verantwortliche Gen rezessiv ist. Damit die Krankheit zum Ausbruch kommt, muss ein Kind zwei defekte (rezessive) Gene erben, eines von jedem Elternteil. Sind die Eltern nicht erkrankt, werden sie als „Träger“ dieses rezessiven Gens bezeichnet. Die Funktionsstörung dieses Enzyms bewirkt eine Ansammlung von toxischen Stoffwechselprodukten, die die Leber und die Nieren schädigen, sowie eine Anreicherung von Tyrosin, das die gesunde Entwicklung des Nervensystems, der Haut und der Augen beeinträchtigt. Weltweit sind etwa 1 von 100’000 Personen betroffen. Die Krankheit findet man besonders häufig in einer Region in Quebec. In Nordeuropa schwankt die Inzidenz zwischen 1 zu 12’000 und 1 zu 100’000. Zurzeit gehört die Tyrosinämie nicht zum Neugeborenen-Screening in der Schweiz.

Die Hauptsymptome der Tyrosinämie treten zwischen der Geburt und dem dritten Lebensmonat auf. Hierbei handelt es sich um Gelbsucht (Ikterus), Blähbauch, Nasenbluten, schlechte Gewichtszunahme, Erbrechen und Durchfall. Zurückgebliebene geistige Entwicklung, Hautwunden und Augenprobleme können zu einem späteren Zeitpunkt auftreten. Die Diagnose erfordert eine Blut- und Urinanalyse, mit denen sich für die Krankheit spezifische toxische Stoffwechselprodukte nachweisen lassen.

Bei gefährdeten Kindern ist durch eine Fruchtwasseranalyse eine pränatale Diagnose möglich. Seit der Identifizierung des verantwortlichen Gens können durch eine Blutprobe der Eltern die Träger ermittelt werden, so dass sich das Risiko, ein an Tyrosinämie erkranktes Kind zu bekommen, verringern lässt.

Unbehandelt endet die Krankheit in den meisten Fällen tödlich. Wenn die Krankheit frühzeitig diagnostiziert wird, kann das Kind eine Behandlung mit Nitisinon oder NTBC erhalten, das die Produktion toxischer Substanzen durch die Leber begrenzen soll. Diese wird oft durch eine eiweissfreie Diät ergänzt. Um einer Mangelernährung vorzubeugen, erhalten die Kinder Eiweisszusätze, die speziell ohne Tyrosin hergestellt werden. Wenn Behandlung und Diät nicht ausreichen oder wenn die Diagnose erst spät gestellt wird, bleibt als einzige Behandlung die Lebertransplantation. Die Lebertransplantation trägt mit dem NTBC dazu bei, den Werdegang dieser Patienten zu verbessern.  Neben den Risiken für Nerven, Leber und Nieren wird die Tyrosinämie gefürchtet, weil sie mit hepatozellulären Karzinomen (Leberkrebs) in Verbindung steht. Liegt ein verdächtiger Knoten der Leber und eine Erhöhung des Tumormarkers (Alpha-Fetoprotein) vor, ist eine Transplantation angezeigt.

Dr. Alexandra Tsouka

2011